
Ich bilde seit Jahren Social Media Manager weiter. Und ich berate andere zu Sichtbarkeit und Kundengewinnung auf Social Media.
Und trotzdem kenne ich dieses unangenehme Gefühl ziemlich gut: Du veröffentlichst etwas und denkst nicht zuerst an die Menschen, die du erreichen möchtest, sondern daran, wer das jetzt alles sehen könnte.
Die ehemalige Kollegin, Freunde, Familienmitglieder, Alte berufliche Kontakte oder Menschen aus der eigenen Branche, deren fachliches Urteil dir nicht völlig egal ist.
Bei mir kommen beide Seiten zusammen. Freunde und Bekannte verstehen teilweise gar nicht so richtig, was ich beruflich mache, oder nehmen Social Media nicht besonders ernst. Bei Menschen vom Fach ist es eher die Frage: Was halten die jetzt davon?
Ich nenne dieses Gefühl hier Sichtbarkeits-Scham. Das ist keine medizinische Diagnose, sondern eine ziemlich treffende Beschreibung für das unangenehme Gefühl oder die Angst vor Bewertung, wenn Menschen aus deinem persönlichen oder beruflichen Umfeld deine Posts sehen.
Kurz gesagt: Bei Sichtbarkeits-Scham ist oft nicht Instagram selbst das Problem. Du möchtest durchaus sichtbar sein, aber die Vorstellung, dass Freunde, Familie, ehemalige Kollegen oder Fachkollegen mitlesen, bremst dich. Diese Scham muss nicht vollständig verschwinden. Entscheidend ist eher, wie wichtig dir das Ziel hinter deiner Sichtbarkeit ist und welchen Schritt du trotz dieses unangenehmen Gefühls gehen kannst.
Dass völlig fremde Menschen einen Beitrag von dir sehen, kann erstaunlich egal sein.
Bei Bekannten ist das anders. Sie haben bereits ein Bild von dir.
Vielleicht kennen sie dich noch aus deinem alten Job. Vielleicht hat deine Familie nur eine ungefähre Vorstellung davon, womit du heute dein Geld verdienst. Oder Freunde können mit deinem Business-Thema wenig anfangen und du fragst dich, ob sie dein Reel albern finden.
Und dann gibt es noch die andere Gruppe: Menschen aus deiner Branche.
Bei ihnen ist es möglicherweise weniger das „Was denkt meine Freundin jetzt über mich?“ und mehr das „Was hält die fachlich davon?“.
Genau das kenne ich gut. Wenn man anderen beruflich Social Media erklärt, entsteht schnell ein ziemlich hoher Anspruch an die eigenen Beiträge. Schließlich könnten ausgerechnet die Menschen zuschauen, denen man selbst erklärt hat, wie guter Content funktioniert.
Wenn hinter dieser Sorge stärker der Gedanke steckt „Bin ich eigentlich gut genug, um mich damit öffentlich hinzustellen?“, ist das noch einmal ein eigenes Thema. Dazu passt mein Artikel über das Imposter-Syndrom bei Coaches und Sichtbarkeit.
Sichtbarkeits-Scham kann aber auch auftreten, obwohl du fachlich ziemlich genau weißt, was du kannst. Du möchtest einfach nicht bewertet werden.
Wie hartnäckig so etwas sein kann, habe ich bei einem Projekt gemerkt, das mit meinem klassischen Business-Content gar nicht so viel zu tun hat.
Ich wollte einen persönlicheren Kanal starten. Inhaltlich geht es dort stärker um Veränderung und darum, Dinge, die man schon ewig vor sich herschiebt, tatsächlich zu machen. Also eher Vlog-Stil als klassischer Business-Content.
Die Idee war da. Lust hatte ich auch.
Und trotzdem habe ich mehr als drei Jahre damit gekämpft, wirklich anzufangen.
Ein wesentlicher Grund waren genau die Menschen, die mir auf meinem bestehenden Account bereits folgen: Familienmitglieder, Freunde, Bekannte und alte berufliche Kontakte.
Bei völlig Fremden hätte mich vieles davon wahrscheinlich deutlich weniger interessiert.
Ich hatte auch keine Lust, allein deshalb einen neuen Account aufzubauen, nur damit möglichst niemand aus meinem bisherigen Umfeld mitbekommt, was ich da mache.
Es gab auch keinen besonderen Trick oder magischen Moment, in dem mir plötzlich jede Bewertung egal war.
Das Ziel wurde mir einfach wichtiger als die Angst.
Das ist rückblickend wahrscheinlich die wichtigste Erkenntnis für mich bei diesem Thema. Ich habe die Sichtbarkeits-Scham nicht erst erfolgreich beseitigt und anschließend angefangen. Ich habe angefangen, obwohl sie noch da war.
Eine Sache hilft trotzdem beim Einordnen: Wir überschätzen häufig, wie stark andere Menschen überhaupt auf uns achten.
In der Psychologie gibt es dafür den sogenannten Spotlight-Effekt. Untersuchungen von Thomas Gilovich, Victoria Medvec und Kenneth Savitsky zeigen, dass Menschen dazu neigen, zu überschätzen, wie stark ihr eigenes Aussehen oder Verhalten anderen auffällt.
Das lässt sich natürlich nicht eins zu eins auf deinen nächsten Instagram-Post übertragen. Aber ich finde den Gedanken trotzdem hilfreich.
Denn während du vielleicht eine halbe Stunde überlegst, ob die ehemalige Kollegin dein Reel peinlich findet, hat sie es womöglich kurz gesehen und längst weitergescrollt.
Oder sie denkt etwas ganz anderes: „Ach, das macht sie also heute.“
Dieser zweite Gedanke wird bei der ganzen Angst vor Bewertung gerne vergessen.
Menschen aus deinem Umfeld können nämlich auch einen Vorteil haben: Sie kennen dich bereits. Manche vertrauen dir schon seit Jahren. Durch deine Beiträge verstehen sie vielleicht zum ersten Mal richtig, was du heute beruflich machst, wem du hilfst und wobei du unterstützen kannst.
Und genau diese Menschen können dich irgendwann auch weiterempfehlen.
Das heißt nicht, dass du deshalb jeden Menschen aus deinem bisherigen Leben unbedingt in deiner Instagram-Community brauchst. Ich würde nur nicht automatisch davon ausgehen, dass bekannte Menschen dort vor allem ein Risiko sind.
Ich würde dir gern den einen Gedanken oder das Geheimrezept nennen, mit dem dir die Meinung anderer ab morgen vollkommen egal ist.
Aber das gibt es leider nicht.
Ein gewisses Maß an Scham oder Unbehagen kann dazugehören, wenn du dich öffentlich zeigst. Denn Sichtbarkeit bedeutet nun einmal auch, dass andere Menschen etwas von dir sehen und sich eine Meinung dazu bilden können.
Wenn du Social Media als wichtigen Weg für dein Business gewählt hast, gehört deshalb auch ein Stück Überwindung dazu. Für mich ist die entscheidendere Frage:
Wie sehr möchtest du das, was hinter deiner Sichtbarkeit liegt?
Möchtest du mit deinen Inhalten bekannter werden? Sollen potenzielle Kunden verstehen, wofür du stehst? Möchtest du unabhängiger von Empfehlungen werden oder dein Business weiterentwickeln?
Dann kann es sich lohnen, das unangenehme Gefühl eine Weile mitzunehmen.
Aber auch die andere Antwort ist erlaubt. Wenn dich diese Form der Sichtbarkeit dauerhaft so stark blockiert, dass du jedes Mal einen riesigen inneren Kampf führst, würde ich nicht automatisch sagen: Da musst du jetzt durch.
Dann darfst du auch prüfen, ob ein anderer Weg für dein Marketing besser zu dir passt. Wenn die Plattform selbst eine Rolle spielt, hilft dir mein Vergleich: Instagram oder LinkedIn – welche Plattform passt besser zu dir?.
Und wenn es weniger um Scham als darum geht, dass dir große, laute Formen von Sichtbarkeit einfach nicht liegen, findest du im Artikel "Instagram für Introvertierte: sichtbar werden, ohne dich zu verbiegen" weitere Möglichkeiten.
Instagram ist ein möglicher Marketingweg, aber weiß Gott keine Pflichtveranstaltung.
Eine naheliegende Lösung bei Sichtbarkeits-Scham ist ein komplett neuer Instagram-Account.
Und das kann durchaus sinnvoll sein.
Wenn du bisher Privates und Berufliches auf einem Account vermischt hast und das künftig klar trennen möchtest, kann ein neuer beruflicher Account eine gute Entscheidung sein.
Ich würde ihn nur nicht ausschließlich deshalb neu aufsetzen, damit Freunde, Familie und alte Kollegen mich möglichst nicht finden.
Du könntest natürlich im ersten Schritt auch einzelne Bekannte blockieren. Für manche kann das helfen, um überhaupt ins Veröffentlichen zu kommen.
Ich selbst habe mich dagegen entschieden, obwohl genau diese Menschen mich bei meinem persönlichen Kanal lange gebremst haben.
Denn da ist wieder die andere Seite: Sie kennen mich. Sie vertrauen mir teilweise schon lange. Und vielleicht verstehen manche durch meine Inhalte überhaupt erst, was ich mache.
Außerdem löst Blockieren die Sache nicht unbedingt dauerhaft. Wenn jemand deine Website kennt, dort auf deine Social-Media-Profile stößt und irgendwann feststellt, dass er deinen Account nicht sehen kann, weil du ihn blockiert hast - Ja, dann wird es möglicherweise auf eine ganz andere Art unangenehm.
Meine Reihenfolge wäre deshalb: Erst überlegen, ob ein neuer Account inhaltlich und strategisch Sinn ergibt. Danach überlegen, wen du dort tatsächlich nicht haben möchtest.
Nicht andersherum.
Ich würde nicht damit anfangen, dir einzureden, dass dir die Meinung anderer ab morgen egal sein muss.
Frag dich lieber zuerst, wofür du überhaupt sichtbar werden möchtest. Wenn dein Ziel ziemlich vage ist, fühlt sich jedes unangenehme Reel schnell wie unnötiger Stress an. Wenn du dagegen weißt, warum du den Kanal aufbauen möchtest, kannst du besser entscheiden, ob dir dieses Ziel die Überwindung wert ist.
Danach würde ich den Einstieg nicht unnötig groß machen. Du musst nicht ausgerechnet mit dem persönlichsten Talking-Head-Reel starten, nur weil irgendjemand behauptet, man müsse sich auf Instagram ständig vor der Kamera zeigen.
Vielleicht fühlt sich ein Karussell zunächst besser an, oder ein fachliches Reel oder gar einfach ein B-Roll mit Text. Natürlich kann es auch ein einfacher Bild-Beitrag, bei dem dein Thema klar im Vordergrund steht und nicht du als Privatperson.
Auch Test-Reels auf Instagram können die Schwelle etwas senken. Instagram spielt sie zunächst an Nicht-Follower aus. Sie sind allerdings kein unsichtbarer Übungsraum: Meta weist ausdrücklich darauf hin, dass einzelne Follower ein Test-Reel unter bestimmten Umständen trotzdem sehen können, zum Beispiel wenn es ihnen weitergeschickt wird.
Ich würde Test-Reels deshalb eher als Möglichkeit sehen, etwas auszuprobieren, wo du wirklich siehst wie der Inhalt bei Fremden funktioniert - also Menschen, die dich noch nicht kennen. Das verhindert Likes von Followern aus Gefälligkeit oder weil sie dein Thema schon kennen.
Und dann kommt irgendwann der Teil, den dir kein Tipp abnehmen kann:
Du musst veröffentlichen.
Vielleicht nicht vollkommen entspannt. Vielleicht mit einem kurzen „Oh Gott, jetzt ist es draußen“.
Aber draußen.
Und danach kannst du dir ansehen, was tatsächlich passiert ist – statt weiter nur darüber nachzudenken, was theoretisch passieren könnte.
Ich kenne Sichtbarkeits-Scham selbst. Bei mir hat sie dazu geführt, dass ich ein Projekt, das ich eigentlich machen wollte, mehr als drei Jahre vor mir hergeschoben habe.
Deshalb halte ich wenig von einem lockeren „Ist doch egal, was die anderen denken“.
Mir ist es nicht immer egal.
Aber irgendwann war mir das, was ich machen wollte, wichtiger.
Genau diese Frage würde ich mir auch an deiner Stelle stellen: Was kostet es dich, sichtbar zu werden – und was kostet es dich, wenn du dich aus Angst vor der Bewertung anderer immer wieder zurückhältst?
Vielleicht veröffentlichst du danach den Beitrag.
Vielleicht entscheidest du dich für einen kleineren ersten Schritt.
Und vielleicht merkst du auch, dass ein anderer Marketingweg besser zu dir passt.
Alles davon finde ich sinnvoller, als noch ein weiteres Jahr darauf zu warten, dass dir die Meinung aller anderen plötzlich vollkommen egal ist.