
Wir sind mit dem Fernsehen aufgewachsen. Kamera bedeutete: Fernsehteam, Scheinwerfer, Maske und Vorbereitung. Wenn jemand gefilmt wurde, war das eine aufwendige Produktion mit Team. Kameras waren teuer und haben definitiv nicht in eine Hosentasche gepasst.
Und jetzt soll man einfach das Handy hochhalten und in die Kameralinse reden. Einfach so, spontan, und am besten täglich, wenn es nach vielen Social-Media-Coaches geht.
Klingt auf den ersten Blick simpel. Ist es für viele von uns aber nicht. Nicht weil wir keine Ahnung haben, nicht weil wir nichts zu sagen hätten, sondern weil diese Selbstverständlichkeit für uns einfach nicht da ist. Wir sind vielleicht noch mit einem Handy groß geworden, mit dem man telefonieren, SMS schreiben und Snake spielen konnte. Aber garantiert keine Videos drehen.
Dazu kommt: Wir sehen uns im Video und denken sofort, dass irgendwas nicht stimmt. Die eigene Stimme klingt komisch. Das Gesicht wirkt irgendwie anders. Man sieht Dinge, die man sonst nicht sieht.
Das ist keine Einbildung. Das ist Biologie. Und es geht vorbei.
Kennst du das? Du schaust dir ein Video von dir an und denkst: „So klingt meine Stimme? Wirklich?"
Ja, sie klingt wirklich so. Und ja, es ist anders, weil wir unsere eigene Stimme nur von innen kennen, mit Resonanz aus dem eigenen Körper. Auf der Aufnahme hören wir sie so, wie alle anderen sie hören. Das klingt zunächst fremd.
Gleiches gilt fürs Gesicht. Im Spiegel sehen wir uns seitenverkehrt. Im Video sehen andere uns, und damit sehen auch wir uns plötzlich so, wie wir für den Rest der Welt aussehen. Asymmetrien, die wir nicht kannten. Ein Lächeln, das sich anders anfühlt, als es aussieht.
Das ist irritierend, aber kein Grund aufzuhören. Je öfter du dich aufnimmst, desto schneller gewöhnt sich dein Gehirn daran. Bei den meisten dauert das ein paar Wochen. Manche brauchen länger. Aber alle, die heute entspannt vor der Kamera stehen, sind irgendwann durch genau diese Phase gegangen.
Wir sind eine Generation, die nicht damit aufgewachsen ist, sich selbst zu filmen. Das ist keine Schwäche. Das ist einfach ein anderer Ausgangspunkt.
Mal ehrlich: Du siehst im echten Leben auch so aus, wie du dich auf den Videos siehst. Die Kamera verändert nichts. Aber deine Ausleuchtung kannst du steuern und damit sogar Falten kaschieren. ;)
Bevor du in eine Kamera, ein Stativ oder ein Ringlicht investierst, probiere das hier. Es kostet nichts außer fünf Minuten.
Das klingt simpel und ist es doch nicht. Man schaut automatisch auf das eigene Bild auf dem Display. Das Objektiv sitzt aber oben. Wer auf das Display schaut, schaut am Publikum vorbei. Wer ins Objektiv schaut, schaut den Zuschauern direkt in die Augen. Das macht einen riesigen Unterschied, nicht für dich, aber für alle, die das Video sehen.
Klebe einen kleinen Smiley oder Sticker direkt neben die Linse. Das hilft ungemein. Oder nimm mit der Rückkamera deines Handys auf. Die hat sowieso eine bessere Auflösung und macht es leichter, wirklich ins Objektiv zu schauen, weil du dich nicht selbst auf dem Display siehst.
Frontkamera oder Rückkamera? Die Rückkamera hat die bessere Qualität und verführt weniger zum Display-Starren. Probiere es aus, viele merken, dass es sich damit gleich entspannter anfühlt.
Du brauchst kein Studio. Du brauchst ein Fenster. Stell dich so auf, dass das Licht von vorne auf dein Gesicht fällt, nicht von der Seite, nicht von oben. Licht von oben wirft Schatten unter die Augen und betont Müdigkeit. Licht von vorne weicht das Gesicht auf. Und ja, gutes Licht kaschiert auch, ob Fältchen, Rötungen oder was auch immer dich gerade beschäftigt. Es ist kein Filter. Aber es ist das Beste, was du kostenlos haben kannst.
Wer mehr möchte: Ein einfaches LED-Licht reicht völlig. Ein Ringlicht funktioniert noch besser, allerdings nicht, wenn du Brille trägst. Die runden Reflexe auf den Gläsern sehen aus meiner Sicht immer etwas komisch aus. Ich trage selbst eine Brille und nutze deshalb ein LED-Panel.
Starte die Aufnahme, atme einmal tief durch, lächle kurz und dann erst reden. Diese drei Sekunden am Anfang schneidest du sowieso raus. Aber sie geben dir Zeit, dich zu sammeln und nicht direkt mit Panik-Energie reinzustarten.
Was auch hilft: Kurz den Lieblingssong hören. Einmal durch das Zimmer tanzen. Schultern rollen, Kiefer lockern, laut lachen, auch wenn es sich blöd anfühlt. Du bringst dich damit in eine andere Energie. Und diese Energie sieht man im Video.
Das ist ein Punkt, der unterschätzt wird: Woran du dich orientierst, bestimmt, ob du losgehst oder gar nicht erst anfängst.
Such dir keine riesigen Accounts mit hunderttausend Followern als Maßstab. Such dir jemanden, der eine, zwei, drei Stufen weiter ist als du und dessen Art, Videos zu machen, zu dir passt. Der Stil, die Energie, das Thema. Nicht kopieren, sondern schauen, was funktioniert, und überlegen: Wie würde ich das für mein Thema umsetzen?
Und dann: Mach es nach. Nicht nur abspeichern. Ich kenne das, tausende gespeicherte Videos, mit denen ich dann nichts gemacht habe. Das bringt nichts.
Speichere dir Videos, die dich inspirieren, und dann stell sie nach. So lernst du, was bei dir funktioniert.
Du schaust dein Video an und siehst sofort: Die Strähne sitzt nicht. Das Make-up war nicht perfekt. Das Licht von der Seite schmeichelt nicht.
Weißt du, was dein Publikum sieht? Was du sagst. Ob es ihre Situation trifft. Ob du verstehst, wo sie gerade stehen.
Menschen schauen Videos, weil sie etwas suchen. Eine Antwort, einen Tipp, jemanden, der ihre Herausforderung kennt. Niemand scrollt durch Instagram, um die Ausleuchtung deines Videos zu bewerten. Jeder ist so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass deine Strähne schlicht keine Rolle spielt.
Wir sind hier nicht auf einem Tinder-Date. Deine Zielgruppe sucht kein Model. Sie sucht jemanden, bei dem die Chemie stimmt. Jemanden, der ihre Schmerzpunkte kennt, der versteht, wie es sich anfühlt, an dem Punkt zu stehen, an dem sie gerade stehen. Und der sie weiterbringen kann. Das kaufen sie bei dir, nicht bei einem perfekten Video.
Mit jedem Video, das du drehst, fällt es dir leichter. Nicht weil du besser aussiehst, sondern weil du weißt, wie du dich ins richtige Licht rückst, welche Winkel funktionieren und was du weglässt. Das kommt nicht durch Nachdenken. Das kommt durchs Machen.
Du weißt, was du zeigen möchtest, aber vor der Kamera stockt es? In meinem Coaching arbeiten wir genau daran: Wie du dich zeigst, wie du Vertrauen aufbaust und wie Social Media für dich funktioniert – ohne dass du jemand anderes sein musst.
Mehr über mein Coaching erfahrenDer Plan ist simpel: Handy raus, ein Fenster suchen, einen Punkt neben das Objektiv kleben, einmal kurz schütteln und auf Aufnahme drücken. Kein anderer Plan wird besser funktionieren.
Die Kamera-Angst geht nicht weg, weil du darüber nachdenkst. Sie geht weg, weil du fünfmal gefilmt hast und beim fünften Mal gemerkt hast, dass es gar nicht so schlimm war. Und beim zehnten Mal denkst du nicht mehr drüber nach.
Aber dafür musst du einmal anfangen.
Hast du schon erste Erfahrungen vor der Kamera gemacht oder steht der erste Versuch noch aus? Schreib mir gerne auf LinkedIn oder Instagram.