
Neulich habe ich ein Reel gedreht, an dem ich wirklich lange gesessen habe. Schnitt, Text-Overlays, verschiedene Einstellungen, das volle Programm. Es hat bestimmt anderthalb Stunden gedauert, bis ich zufrieden war. Das Ergebnis? Ein paar Aufrufe, kaum Reaktionen.
Eine Woche später war ich mit meinem Sohn unterwegs. Er war beim Pfadfinder-Treffen, und ich stand im Wald und hatte einen Gedanken im Kopf, der mich nicht losließ. Also habe ich das Handy rausgeholt, auf Aufnahme gedrückt und einfach losgesprochen. Kein Script, kein Plan, nur ich und ein Thema, das mich in dem Moment bewegt hat. Dieses Reel hatte ein Vielfaches an Aufrufen und deutlich mehr Kommentare.
Was ich damit sagen will: Du kannst bei Reels nicht immer vorhersagen, was funktioniert. Aber du kannst vorhersagen, was nicht funktioniert, nämlich gar keine zu machen.
Und genau da hängen die meisten Coaches ab 40 fest. Nicht an der Technik, nicht am Thema, sondern an dem Gefühl, dass Reels irgendwie nichts für sie sind. Deshalb lass uns heute mal aufräumen, was Reels wirklich von dir verlangen und warum dein Gesicht auf Video kein Problem ist, sondern dein stärkster Hebel.
Instagram stellt seinen Algorithmus immer stärker auf Themenvorschläge um, und das bedeutet: Deine Inhalte werden zunehmend Menschen gezeigt, die dir noch nicht folgen, aber sich für dein Thema interessieren. Das gilt für alle Formate, aber bei Reels kommt etwas dazu, das kein Carousel und keine Text-Grafik leisten kann.
In einem Video sehen Menschen, wer du bist.
Nicht nur, was du weißt, sondern wie du sprichst, wie dein Sprechtempo ist, wie du gekleidet bist, wie du dich bewegst. Innerhalb von drei Sekunden entsteht ein Gefühl: Passt die zu mir, oder passt die nicht zu mir?
Dieses Gefühl ist der Grund, warum Talking-Head-Reels so wertvoll sind für Coaches. Du gibst Leuten die Möglichkeit, dich kennenzulernen, bevor sie dir eine Nachricht schreiben oder dein Angebot anschauen.
Und Persönlichkeit lässt sich nicht kopieren. Jemand kann deine Carousel-Texte nachmachen, deine Tipps übernehmen oder dein Design imitieren. Aber dein Gesicht, deine Stimme und die Art, wie du über dein Thema redest, das gehört dir allein.
Wenn ich mit Kunden über Reels spreche, kommen immer die gleichen Bedenken.
Nein. Talking-Head-Reels, also du sitzt oder stehst vor der Kamera und sprichst über dein Thema, gehören zu den Formaten, die am besten funktionieren. Ein Gedanke, 15 bis 30 Sekunden, fertig. Du brauchst dafür weder einen Tanz noch ein Trend-Audio. Einfach du, dein Thema und eine Kamera.
Dein Smartphone reicht völlig. Tageslicht von einem Fenster schlägt jedes Ringlicht, und ein günstiges Stativ oder dein Handy, angelehnt an eine Kaffeetasse, reicht für den Anfang. Wenn du mehr über Kamera-Basics wissen willst, wie Ausleuchtung, Blickrichtung und warum du ins Objektiv schauen solltest statt aufs Display, habe ich dazu einen eigenen Artikel geschrieben.
Und aufwendiger Schnitt? Mein Wald-Reel hatte null Schnitt, und es hat besser funktioniert als das, an dem ich anderthalb Stunden gesessen habe. Für Talking-Head-Reels brauchst du nicht zwingend einen aufwendigen Schnitt. Du drückst auf Aufnahme, sprichst deinen Gedanken aus und drückst auf Stopp.
Und im Idealfalls wechselst du dabei die Perspektive: 2-3 Sätze sprichst du gerade in die Kamera, bei 2-3 Sätzen hältst du das Handy links und dann noch mal für die restlichen Sätze rechts. So ist es abewechlungsreicher für den Zuschauer.
Das denken fast alle, und ich habe in meinem Video-Artikel erklärt, warum das so ist: Wir sind unser Spiegelbild gewöhnt, das Video zeigt uns seitenverkehrt, und das irritiert das Gehirn. Das geht vorbei, meistens nach ein paar Wochen regelmäßigem Aufnehmen.
Was du sofort machen kannst: Natürliches Licht von vorne nutzen, das weicht dein Gesicht auf und kaschiert einiges. Und Instagram bietet dezente Glättungsfilter an, die subtil helfen, ohne dass du wie eine andere Person aussiehst. Es geht nicht darum, sich 20 Jahre jünger zu machen. Es geht darum, dich so zu zeigen, dass du dich wohlfühlst. Deine Kunden lernen dich auch per Zoom oder in Person kennen, also übertreib es nicht mit den Filtern, aber ein bisschen Unterstützung ist völlig in Ordnung.
Ich höre das wirklich oft, und ich verstehe die Sorge. Aber überleg mal: Du bist Coach, du hast über 15 oder 20 Jahre Erfahrung, du hast Kunden durch echte Veränderungen begleitet. Warum solltest du weniger Recht haben, deine Perspektive auf Instagram zu teilen, als jemand mit 25, der gerade seine erste Ausbildung abgeschlossen hat?
Deine Zielgruppe ist oft selbst 35 oder älter. Die fühlen sich bei jemandem, der ihre Lebenssituation kennt, vielleicht sogar besser aufgehoben.
Hier sind vier Formate, sortiert von „geringster Überwindung" bis „mehr Kamera-Präsenz". Jedes davon kannst du morgen umsetzen. Die ausführlichen Schritt-für-Schritt-Anleitungen zu jedem Format folgen in separaten Praxis-Artikeln.
Du filmst 5 bis 10 Sekunden eine Szene in deinem Alltag: am Schreibtisch tippen, Kaffee einschenken, Notizbuch aufschlagen, durchs Fenster schauen. Darüber legst du einen Text mit deiner Kernaussage und fügst ggf. Hintergrundmusik hinzu. Du bist im Video zu sehen, aber nicht direkt vor der Kamera, und du musst nicht sprechen. Das ist der sanfteste Einstieg in die Reel-Welt.
Gleiche Videoaufnahmen wie bei Format 1, aber statt Text sprichst du darüber. Deine Stimme macht das Reel persönlicher und gibt ihm mehr Nähe, ohne dass du direkt in die Kamera schauen musst. Gut geeignet für Tipps, kurze Beobachtungen aus deinem Coaching-Alltag oder eine Erkenntnis, die du teilen willst. Hier würde ich aber tatsächlich ein paar mehr Szenen aneinandereihen, die das unterstreichen, was du sagst.
Der Klassiker und aus meiner Sicht das Format mit dem größten Vertrauens-Effekt. Du schaust in die Kamera, sprichst einen Gedanken aus, 15 bis 30 Sekunden. Ein Thema pro Reel, nicht mehr. In den ersten zwei Sekunden ein starker Einstiegssatz (als Text-Overlay und gesprochen), dann das Thema erklären, einordnen oder eine Frage stellen.
Jemand stellt dir unter einem Post eine Frage, und du antwortest per Reel statt per Text. Der Kommentar schwebt als Sticker im Bild, während du direkt in die Kamera antwortest. Das zeigt, dass echte Menschen mit dir interagieren, und du musst dir kein Thema ausdenken, weil das Thema direkt von deinen Followern kommt. Wie du das technisch umsetzt, erkläre ich in einem eigenen Praxis-Artikel.
Kurz und wichtig: Ich würde dir nicht empfehlen, einfach Trend-Audio oder Musik aus der normalen Instagram-Bibliothek zu verwenden. 2025 gab es eine große Abmahnwelle, und ich habe selbst Reels von meinem Account gelöscht, weil ich mir nicht sicher war, ob die Rechte sauber waren.
Was ich stattdessen mache: Ich nutze ausschließlich Musik aus der Meta Business Suite. Dort gibt es eine eigene Sound-Bibliothek mit lizenzfreier Musik. Oder ich kaufe Musik gezielt ein, auch wenn ich Inhalte für Kunden erstelle. Für den Anfang reicht die Meta-Bibliothek völlig aus, und wenn du auf Nummer sicher gehen willst, mach deine Talking-Head-Reels einfach ohne Hintergrundmusik. Das funktioniert genauso gut.
Mein 30-Tage-Fahrplan „Von der leeren Seite zum ersten Post" gibt dir für jeden Tag eine Aufgabe. Maximal eine Stunde, meistens weniger.
Zum 30-Tage-FahrplanHier ist der konkrete Ablauf, damit du nicht weiter prokrastinierst:
Schritt 1: Entscheide dich für ein Format. Im Zweifel nimm B-Roll + Text (Format 1), wenn du noch nicht vor die Kamera willst, oder ein Talking-Head (Format 3), wenn du bereit bist.
Schritt 2: Wähle einen Gedanken. Nicht drei, nicht fünf. Einen. Zum Beispiel: „Der häufigste Fehler, den ich bei meinen Kunden sehe" oder „Was ich meinen Kunden als Erstes sage".
Schritt 3: Wenn du ein Talking-Head machst, nimm den Gedanken aus drei Perspektiven auf (frontal, links, rechts) und setze die Clips im Editor zusammen. Wenn du B-Roll machst, filme 5 bis 10 Sekunden Alltag und lege den Text darüber.
Schritt 4: Füge Text hinzu. Der erste Satz muss im Bild stehen, als Overlay, weil die meisten Reels ohne Ton angeschaut werden. Schreib ihn so, dass er zum Weiterschauen einlädt.
Schritt 5: Optional Musik aus der Meta Business Suite hinzufügen, oder lass es einfach weg.
Schritt 6: Drück auf „Veröffentlichen". Das Ganze dauert 10 Minuten, nicht eine Stunde und nicht einen halben Tag.
Wenn du vor dem leeren Bildschirm sitzt und nicht weißt, was du sagen sollst, hilft dir dieser Prompt für ChatGPT oder Claude. Kopiere ihn, fülle die Platzhalter aus und du bekommst ein fertiges Script, das du nur noch ablesen oder frei nachsprechen musst.
Das Script, das du zurückbekommst, ist ein Entwurf. Lies es laut vor und ändere alles, was sich nicht nach dir anhört. Wenn es klingt, als hätte eine Maschine es geschrieben, sag das der KI: „Das klingt zu poliert. Schreib es so, wie ich es einer Kollegin beim Kaffee erzählen würde." Nach ein bis zwei Überarbeitungsrunden hast du ein Script, das funktioniert und nach dir klingt.
Reels sind kein Format für junge Leute, die vor der Kamera aufgewachsen sind. Reels sind ein Format für jeden, der etwas zu sagen hat. Und mit über 40, mit echter Coaching-Erfahrung und einem Thema, das Menschen weiterbringt, hast du mehr zu sagen als die meisten.
Du kannst nicht vorhersagen, welches Reel durch die Decke geht und welches bei ein paar hundert Aufrufen hängen bleibt. Aber du kannst dir sicher sein, dass jedes Reel, das du veröffentlichst, Menschen zeigt, wer du bist. Und genau das baut Vertrauen auf, das kein Carousel und keine Text-Grafik ersetzen kann.
Fang mit dem Format an, das dir am leichtesten fällt. Ein B-Roll-Video mit Text reicht für den Start. Und wenn du bereit bist, probiere ein Talking-Head. Du wirst merken: Es ist weniger schlimm, als du denkst. 🙂
In meinem Instagram-Coaching begleite ich dich Schritt für Schritt: Profil, Strategie, Reels, erste Posts. Kein Dauerstress, sondern ein Weg, der zu dir passt.
Zum Instagram-CoachingFalls dich nicht die Reels blockieren, sondern Instagram insgesamt: In meinem Artikel „Angst vor Instagram?" gehe ich auf die fünf häufigsten Ängste ein und zeige dir, warum die meisten davon unbegründet sind.